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Kortikale Plastizität und perzeptuelles Lernen: Kann das Gehirn Sehnervenschäden kompensieren?

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Kortikale Plastizität und perzeptuelles Lernen: Kann das Gehirn Sehnervenschäden kompensieren?

Einleitung

Glaukom und andere Sehnervenerkrankungen zerstören allmählich die Nervenzellen des Auges, was zu Gesichtsfeldausfällen führt. Obwohl Patienten langsam wachsende blinde Flecken oft nicht bemerken, fragen sich Forscher, ob das Gehirn sich anpassen und verbleibendes Sehvermögen nutzen kann. Mit anderen Worten: Können kortikale Plastizität (die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu organisieren) und perzeptuelles Lernen nach Sehnervenschäden eine Kompensation ermöglichen? Diese Frage wird aktiv erforscht. Bildgebende Verfahren des Gehirns zeigen, dass Glaukom nicht nur retinale Ganglienzellen abtötet, sondern auch zu Veränderungen entlang der Sehbahn führt (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Forscher haben herausgefunden, dass mit der Verschlechterung des glaukomatösen Schadens die Aktivität im visuellen Kortex (dem für das Sehen zuständigen Hirnbereich) in den entsprechenden Gesichtsfeldbereichen abnimmt (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Dennoch bleibt die Gesamtkarte des Sehens im Gehirn oft intakt (pmc.ncbi.nlm.nih.gov).

Interessanterweise sind sich viele Glaukompatienten ihrer blinden Flecken kaum bewusst. Dieses perzeptuelle Auffüllen – bei dem das Gehirn fehlende periphere Informationen „ausfüllt“ – wird als Ausdruck neuronaler Kompensation angesehen. Eine Hirnstudie zeigte beispielsweise, dass Glaukompatienten (selbst bei schwerem Gesichtsfeldverlust) ihren Sehverlust nicht frühzeitig bemerkten, weil ihre Gehirne die defekten Bereiche effektiv maskierten oder „ausfüllten“ (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der visuelle Kortex bei Erwachsenen auch nach langfristiger Augenerkrankung eine gewisse Plastizität beibehält (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov).

Kortikale Reorganisation bei Glaukom

Glaukom zerstört retinale Ganglienzellen und deren Axone im Sehnerv. Autopsie- und Tierstudien zeigen, dass Glaukom auch „vorgelagerte“ Schäden verursacht: eine Ausdünnung des Corpus geniculatum laterale (einer Schaltstation im Gehirn) und sogar neuronalen Verlust im primären visuellen Kortex (V1) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). In-vivo-fMRT-Studien am Menschen bei Glaukom untermauern dies: Die Stärke der V1-Aktivität korreliert mit dem Verlust der Gesichtsfeldempfindlichkeit (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Eine führende Studie zeigte, dass Bereiche des V1, die blinden Gesichtsfeldbereichen entsprechen, geringere Blutsauerstoffsignale aufwiesen, was eng mit dem Empfindlichkeitsverlust des Auges übereinstimmt (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Kurz gesagt, der Schaden an den Augen spiegelt sich in schwächeren kortikalen Reaktionen wider, wo der Nerveninput fehlt.

Andere Studien zeigen, dass das Layout des visuellen Kortex bei Glaukom oft weitgehend normal aussieht. Eine aktuelle fMRT-Studie ergab, dass die großräumige retinotopische Organisation (welcher Teil des Gehirns welchem Teil des Sehvermögens entspricht) bei Glaukompatienten weitgehend erhalten blieb (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Selbst bei peripherem Gesichtsfeldverlust blieb die grobe Karte vom zentralen zum entfernten Sehen in der richtigen Reihenfolge erhalten (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Was sich jedoch änderte, waren kleine lokale Eigenschaften: Rezeptive Felder in frühen visuellen Bereichen tendierten dazu, sich zu verschieben und manchmal in Richtung der intakten Regionen zu vergrößern (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Mit anderen Worten, Neuronen, die an ein Skotom (blinder Fleck) angrenzen, begannen manchmal, auf nahegelegene sehende Regionen zu reagieren. Diese subtilen Verschiebungen deuten auf eine lokalisierte Plastizität im visuellen Kortex von Erwachsenen hin (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Wichtig ist, dass der Grad dieser pRF (population receptive field)-Veränderungen mit dem Schweregrad der Erkrankung korrelierte (pmc.ncbi.nlm.nih.gov), was impliziert, dass fortgeschrittenes Glaukom eine stärkere kortikale Anpassung auslöst.

Zusammenfassend zeigen Bildgebungsstudien bei Glaukom, dass sich das visuelle Gehirn tatsächlich verändert, wenn die Augen geschädigt sind: Die kortikale Aktivität fällt in verlorenen Gesichtsfeldbereichen ab, und in der Nähe von Skotomen kommt es zu geringfügigen Neuzuordnungen (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Diese Reorganisation kann erklären, warum viele Patienten einen frühen Gesichtsfeldverlust nicht bemerken – das Gehirn „füllt“ Informationen „auf“ und maskiert den Defekt (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Die Veränderungen sind jedoch begrenzt. Die meisten Studien zeigen, dass der adulte V1 seine Karte nicht dramatisch umschreibt: Die grobe Organisation bleibt erhalten, und Neuronen erholen verlorenen Input nicht plötzlich.

Perzeptuelles Lernen und Sehtraining

Perzeptuelles Lernen bezieht sich auf systematisches Üben visueller Aufgaben, das die Wahrnehmungsfähigkeiten verbessern kann. In der Medizin werden spezialisierte Sehtrainingsprogramme entwickelt, um Patienten mit Gesichtsfelddefekten (aufgrund von Glaukom, Schlaganfall oder Makulaerkrankungen) dabei zu helfen, ihr verbleibendes Sehvermögen optimal zu nutzen. Diese Programme verwenden oft Computer- oder Virtual-Reality-Übungen, bei denen Patienten wiederholt Muster in oder nahe ihren blinden Regionen diskriminieren. Die Idee ist, schwache Signale zu verstärken und das Gehirn neu zu trainieren, um sie besser zu erkennen.

Es wurden mehrere Trainingsplattformen getestet. Ein kommerzielles System (NovaVision’s „Vision Restoration Therapy“) lässt Benutzer beispielsweise stundenlange Sehübungen pro Tag durchführen, die auf die Ränder ihrer blinden Felder abzielen. Andere Ansätze verwenden Kontrastmuster, Gabor-Patches oder Bewegungssimuli in Virtual-Reality-Headsets. Es gibt sogar Biofeedback-Geräte, die Hirnsignale (wie VEPs) in Töne umwandeln, sodass Patienten ihre Hirnreaktionen in Echtzeit „abstimmen“ können (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov).

Evidenz aus klinischen Studien

Trotz der Begeisterung haben strenge Studien gemischte Ergebnisse geliefert. Frühe enthusiastische Berichte über große Gesichtsfeldgewinne stießen auf Kritik. Eine prominente Übersicht stellte fest, dass Pioniere des computergestützten Trainings dramatische Verbesserungen berichteten (einige Patienten gewannen zig Grad des Gesichtsfeldes). Als jedoch unabhängige, kontrollierte Tests durchgeführt wurden, verschwanden diese Gewinne (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). In einer Analyse zeigte die Perimetrie nach dem Training mit sorgfältiger Fixierung keine signifikante Gesichtsfeldverbesserung, trotz des subjektiven Empfindens der Patienten, besser zu sehen (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Im Wesentlichen verwendeten frühe Studien oft dieselbe Software für das Training und die Ergebnismessung, was die Vorteile überschätzen kann (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Kritiker wiesen darauf hin, dass subtile Augenbewegungen während des Trainings eine Gesichtsfeldexpansion imitieren könnten: Patienten lernten, winzige Sakkaden in die blinde Seite zu machen, sodass visuelle Stimuli gesehen wurden, obwohl das Skotom nicht wirklich geschrumpft war (pmc.ncbi.nlm.nih.gov).

Neuere randomisierte Studien haben strengere Kontrollen angewendet. Eine multizentrische Studie aus dem Jahr 2021 zur schlaganfallbedingten Hemianopie nutzte 6 Monate Heimtraining. Die Patienten führten Aufgaben zur Bewegungsdiskriminierung in ihrem Gesichtsfeld durch. Die behandelte Gruppe zeigte sehr geringe Verbesserungen (~0,6–0,8 dB in der Gesichtsfeldempfindlichkeit), die nicht signifikant größer waren als die Veränderungen der Kontrollgruppe (www.sciencedirect.com) (www.sciencedirect.com). Dies deutet darauf hin, dass routinemäßiges Training im blinden Feld nicht besser als die Kontrolle (Training im sehenden Feld) war, um den Defekt zu vergrößern.

Allerdings waren nicht alle Studien negativ. Eine neue Studie (Mai 2025) mit einem personalisierten Virtual-Reality-Programm zur visuellen Diskriminierung zeigte klare Vorteile. Schlaganfallpatienten, die das VR-Headset 12 Wochen lang verwendeten, hatten im Vergleich zu Kontrollgruppen ohne Training signifikant mehr Bereiche mit verbesserter Empfindlichkeit (um ≥6 dB) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Nach standardmäßiger Perimetrie verbesserten sich trainierte Patienten um ~0,7–1,2 dB in ihrem betroffenen Feld, während die Kontrollgruppe praktisch keine Veränderung zeigte (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Diese Gewinne führten zu statistisch und klinisch besseren Gesichtsfeldwerten. Dies deutet darauf hin, dass intensives, maßgeschneidertes Training die visuelle Empfindlichkeit bei chronischem Gesichtsfeldverlust tatsächlich stärken kann.

Andere Arbeiten, die Audio-VEP-Biofeedback (oben erwähnt) verwendeten, fanden ebenfalls ermutigende, aber vorläufige Ergebnisse. In einem unkontrollierten Pilotversuch verbesserte ein kurzer Kurs mit VEP-gesteuertem akustischem Feedback die Sehschärfe und verdreifachte ungefähr die Amplitude des VEP-Signals (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Obwohl die Evidenz noch spärlich ist, deuten diese Studien darauf hin, dass sorgfältig konzipiertes Training messbare kortikale Verbesserungen bewirken kann.

Effektstärken und Kontroversen

Es ist wichtig, Erwartungen zu setzen. Auch wenn Training statistisch signifikante Effekte zeigt, ist das Ausmaß der Verbesserung meist gering. Veränderungen von weniger als 1 dB im visuellen Schwellenwert (in Dezibel Kontrast) sind typisch (www.sciencedirect.com) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Zum Vergleich: Ein Gewinn von 1 dB in einem Humphrey-Gesichtsfeld ist kaum wahrnehmbar, und die Test-Retest-Variabilität kann ähnlich sein. Auch berichten viele Studien nur über kurzfristige Gewinne unmittelbar nach dem Training. Nur sehr wenige haben eine Langzeitnachverfolgung, sodass wir nicht wissen, wie dauerhaft diese Effekte sind. Patienten müssen oft Übungen unbegrenzt fortsetzen, um jeglichen Nutzen zu erhalten.

Die Kontroversen konzentrieren sich darauf, ob die gemessenen Verbesserungen eine echte neuronale Erholung oder andere Faktoren widerspiegeln. Kritiker warnen, dass einige Gewinne auf eine bessere Fixationsstabilität oder Übungseffekte bei den Tests zurückzuführen sein könnten. Wie bereits erwähnt, ergaben sorgfältige Studien, dass hirnbasiertes Training oft keine Gesichtsfelderholung bewirkt, wenn die Augenposition streng kontrolliert wird (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Kurz gesagt, obwohl perzeptuelles Lernen vielversprechend ist, ist die Evidenz gemischt. Einige hochwertige Studien zeigen kleine, aber reale Vorteile (pmc.ncbi.nlm.nih.gov), während andere keine Reaktion auf Scheintraining finden (www.sciencedirect.com).

Kortikale Kompensation vs. Netzhautregeneration

Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, ob das Training zu kortikaler Kompensation oder zur tatsächlichen Regeneration der Nervenzellen des Auges führt. Eine echte Regeneration würde bedeuten, dass geschädigte retinale Ganglienzellen oder Sehnervenfasern sich regenerieren oder neu verbinden, was biologisch unwahrscheinlich ist. Der adulte menschliche Sehnerv hat praktisch keine Fähigkeit, verlorene Neuronen nachwachsen zu lassen. Daher gehen die meisten Experten davon aus, dass visuelle Gewinne aus dem Training auf Veränderungen auf Gehirnebene zurückzuführen sind.

Zum Beispiel kann die optische Kohärenztomographie (OCT) die Dicke der retinalen Nervenfaser- und Ganglienzellschichten messen. Fast alle Studien zum Sehtraining zeigen keine signifikante Zunahme dieser Dicken (und keine neuen Axone), was unterstreicht, dass die Nervenverletzung bestehen bleibt. Interessanterweise berichtete eine kleine Studie von einer leichten Verdickung in Teilen der Makula nach Virtual-Reality-Training (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov), dies ist jedoch außergewöhnlich und könnte auf Messvariabilität oder vorübergehende Gewebeveränderungen zurückzuführen sein. Im Allgemeinen ist es sicherer anzunehmen, dass das visuelle System Restsignale besser nutzt, anstatt tatsächlich Gewebe zu regenerieren.

Im Gegensatz dazu bedeutet kortikale Kompensation, dass das Gehirn seine vorhandenen Inputs neu gewichtet und reorganisiert. Training könnte geschonte neuronale Schaltkreise rekrutieren oder die Empfindlichkeit in höheren Verarbeitungsbereichen erhöhen. So wurde beispielsweise in einer Studie beobachtet, dass Regionen des visuellen Kortex, die trotz Blindheit noch schwach reagierten – eine sogenannte „neurale Reserve“ – genau die Bereiche waren, in denen nach dem Training Gesichtsfeldverbesserungen auftraten (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Mit anderen Worten: Wenn das Gehirn bereits eine deaktivierte, aber wiederherstellbare Aktivität in einem blinden Fleck hatte, verstärkte das Training diese latente Reaktion größtenteils. Jede moderate Vergrößerung der wahrgenommenen Felder ist daher oft auf diese intrakortikalen Anpassungen zurückzuführen, nicht auf eine Heilung der Netzhaut.

Überwachung von Hirnveränderungen: fMRT- und VEP-Biomarker

Da die Unterscheidung zwischen Veränderungen auf Gehirnebene und Netzhautveränderungen entscheidend ist, verwenden Forscher objektive Biomarker. Zwei Hauptwerkzeuge sind die funktionelle MRT (fMRT) und die visuell evozierten Potenziale (VEP).

  • Funktionelle MRT: Dieser nicht-invasive Gehirnscan misst Veränderungen des Blutflusses, wenn der visuelle Kortex aktiv ist. Bei Glaukom und anderen Erkrankungen kann die fMRT die „Retinotopie“ kartieren, wodurch ersichtlich wird, welche Kortexbereiche auf welchen Teil des Gesichtsfeldes reagieren. Studien haben fMRT verwendet, um zu bestätigen, dass V1-Signale in Skotomen abfallen und subtile Neuzuordnungen zu erkennen (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Im Rehabilitationskontext kann die fMRT zeigen, ob das Training eine stärkere kortikale Aktivität stimuliert. Eine Studie ergab beispielsweise, dass Patienten mit einer sogenannten „neuronalen Reserve“ (kortikale Reaktionen ohne bewusstes Sehen) in ihrem blinden Feld die größten post-Training-Gewinne zeigten (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Dies impliziert, dass fMRT letztendlich vorhersagen könnte, wer von der Therapie profitieren wird: Bereiche, die auf fMRT aufleuchten, auch wenn der Patient sich des Sehens nicht bewusst ist, könnten fĂĽr eine Trainingsverbesserung bereit sein.

  • Visuell evozierte Potenziale: VEPs sind EEG-Ableitungen von der Kopfhaut, die die elektrische Reaktion des Gehirns auf Blitze oder Muster messen. Sie messen direkt die Stärke und das Timing der kortikalen Reaktion. In der Praxis wird ein Schachbrettmuster oder Blitz präsentiert, und Elektroden erfassen die charakteristische P100-Welle etwa 100 ms nach dem Stimulus. Eine größere Amplitude oder kĂĽrzere Latenz bedeutet im Allgemeinen eine stärkere kortikale Verarbeitung. Trainingsstudien haben gezeigt, dass sich diese Messwerte verbessern können. Ein kĂĽrzlich durchgefĂĽhrtes Pilotprojekt, das VEP-gesteuertes Feedback nutzte, berichtete beispielsweise, dass die P100-Amplitude nach dem Training ungefähr verdreifacht wurde, parallel zu den Gewinnen in der Sehschärfe (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Diese Art von Veränderung deutet stark auf kortikales Lernen hin. Da VEPs objektiv und quantitativ sind, dienen sie als nĂĽtzlicher Biomarker: Wenn ein Sehtraining die VEP-Amplitude erhöht, deutet dies auf eine echte neuronale Plastizität in den Sehbahnwegen hin.

Durch die Kombination dieser Methoden mit Augenbildgebung (OCT) und standardmäßigen Gesichtsfeldtests können Kliniker kortikale Anpassung von retinalen Anomalien trennen. Wenn beispielsweise nach Monaten des Trainings die OCT-Schichten eines Patienten unverändert sind, seine VEP- und fMRT-Antworten jedoch stärker sind, deutet dies auf Plastizität auf Gehirnebene hin.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass kortikale Plastizität auch bei Erwachsenen mit Sehnervenschäden existiert, ihre Auswirkungen jedoch begrenzt sind. Hirnbildgebende Verfahren zeigen, dass Glaukompatienten eine weitgehend stabile visuelle Karte beibehalten, mit nur lokalen Verschiebungen rezeptiver Felder und Amplitudenänderungen (pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Perzeptuelles Training kann diese Plastizität nutzen: In einigen Fällen haben sorgfältig konzipierte Übungen die visuelle Empfindlichkeit und Sehschärfe verbessert, wahrscheinlich durch eine Steigerung der kortikalen Verarbeitung. Die Ergebnisse klinischer Studien sind jedoch gemischt. Viele Studien zeigen nur geringfügige Verbesserungen (oft innerhalb des Testrauschens), und ein Teil der anfänglichen Begeisterung wurde durch strenge Kontrollen gedämpft (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) (www.sciencedirect.com).

Entscheidend ist, dass jede durch Training erzielte Verbesserung nicht mit einer echten Reparatur des Sehnervs verwechselt werden sollte. Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Sehgewinne darauf zurückzuführen sind, dass das Gehirn lernt, verbleibende Signale zu nutzen, und nicht darauf, dass die Netzhautzellen nachwachsen. Um solche Veränderungen zu überwachen, verwenden Forscher Neuroimaging und Elektrophysiologie (fMRT, VEP) zusammen mit Augenuntersuchungen. Diese Biomarker können die kortikale Reorganisation dokumentieren, die funktionellen Verbesserungen zugrunde liegt.

Für Patienten ist die Botschaft vorsichtiger Optimismus. Das Gehirn kann sich bis zu einem gewissen Grad anpassen, und systematische Sehübungen können kleine Vorteile für das Restsehvermögen bringen. Doch dies sind Verbesserungen des bestehenden Inputs, keine Heilmittel. Das Verständnis und die Nutzung der kortikalen Plastizität ist ein aktiver Forschungsbereich. Zukünftige Therapien könnten bildgebungsgesteuertes Training oder geschlossenes Biofeedback integrieren, um die natürliche Anpassungsfähigkeit des Gehirns zu maximieren, aber vorerst sollte jeder solche Ansatz als Ergänzung zur Standardaugenversorgung und nicht als Ersatz betrachtet werden.

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Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Konsultieren Sie immer einen qualifizierten Gesundheitsexperten fĂĽr Diagnose und Behandlung.
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